Twitter und Identica. Zwei Thesen zum Microblogging.

In Hamburg gibt es ab dem 23. Januar die (IMHO schon ausverkaufte) erste Konferenz zum Thema »Microblogging«.

Als »Microblogging« bezeichnet man das, was man normalerweise in Twitter macht, also das Heraushauen von Botschaften in 140 Zeichen an eine mehr oder weniger aufmerksam lauschende Schar von »Followern« da draußen im Netz.
Im letzten Sommer, als Twitter eine besonders ausufernde »Performance-Krise« erlitt, erlangte ein in PHP zusammengeknüppelter Twitter-Klon namens »Identi.ca« eine gewisse Popularität. Das besondere daran: Theoretisch kann sich jeder die Software installieren und seinen eigenen Server betreiben, aber trotzdem mit Benutzern auf anderen Servern kommunizieren. Das musste ich natürlich damals ausprobieren, es funktionierte zu der Zeit vieles mehr theoretisch und die Software konnte mich in ihrer handwerklichen Ausführung nicht überzeugen.
Seitdem hat sich aber einiges getan, eine Handvoll Entwickler versuchen sich daran, eine dezentrale quelloffene Alternative zu Twitter zu schaffen. »Popularitätsmäßig« kommt aber die Gesamtheit der damit geschaffenen Twitter-Klone nicht richtig in Gang. Auffallend ist, dass sich dort einige schon jahrelang in der Blogossphäre als Nervtöter bekannte Persönlichkeiten samt der Claque aus ihrer Kommentarspalte häuslich eingerichtet haben und rege Microbloggen, ansonsten aber großes Schweigen unter »vernetzten Karteileichen-Accounts« herrscht.

IMHO liegt das an zwei Dingen, meine zwei »Thesen« dazu:

1. Microbloggen (»Twittern«) ist unwichtig.

Klar, ich twittere gerne und mag es, es würde mir fehlen, wenn es plötzlich weg wäre. Aber im Gegensatz z.B. zu einem Dienst wie flickr, der mit unseren getaggten Bildern »Assets« unserer digitalen Existenz aufbewahrt, die bleibenden Wert haben, hat der einzelne »Tweet« keinen Wert. Wenn die Datenbanken morgen abrauchen würden, wäre es zwar schade um das viele Getippe, aber im Grunde gibt es keinen Grund, alles Getwitterte ewig aufzubewahren. Wir zeichnen ja auch nicht alles auf Band auf, was wir beim geselligen Beisammensein in einer Kneipe so in den Raum werfen. Twitter ist vernetzte »Raushauen, lesen und weg damit«-Kommunikation.

2. Twitter ist nur ein Webservice. Verschwindet Twitter, wird es Ersatz geben.

Die Erfolgsgeschichte von Twitter zeigt: Es gibt ein Bedürfnis dafür, fast jeder, der einmal mit dem Twittern anfängt, bleibt dabei und findet Gefallen daran. Das bedeutet: Selbst wenn Twitter morgen »einfach so« verschwinden würde, würde ein anderer Webservice in die Bresche springen und es gäbe nach einiger Zeit einen allgemein akzeptierten Ersatz, wo sich die Netzstrukturen wieder aufbauen würden.

Aus diesen beiden mal so locker in den Raum geworfenen Thesen folgt für mich: Die Mühe, sich ein PHP-Gefrickel zu schnappen, um eine freie Alternative zu Twitter zu schaffen, lohnt nicht. Außer man macht das, weil es Spaß macht und weil es geht, sowas ist Selbstzweck und fragt nicht nach Sinn und Notwendigkeit. Aber eine objektive Notwendigkeit dafür kann ich nicht erkennen.
Da gäbe es lohnendere Dinge. Wo bleibt ein dezentrales flickr z.B., um vernetzt Bilder zu speichern etc., ohne den latenten Unsicherheitsfaktor, den ein zentraler Dienst nun mal mitbringt?

Tags: twitter identica microblogging


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